Redebeitag von DeliverUnion

Redebeitrag von der DeliverUnion-AG für den Kiezspaziergang von googlecampusverhindern

Die DeliverUnion sind Arbeiter*innen von den Fahrrad-Essenslieferdiensten Foodora und Deliveroo, die sich seit etwa einem Jahr in der FAU Berlin gegen die Arbeitsbedingungen in beiden Unternehmen organisieren.

Deliveroo ist ein StartUp mit Hauptsitz in London, das inzwischen Fahrer*innen in dutzenden Städten auf der ganzen Welt beschäftigt. Wobei eigentlich alles, was Deliveroo bereitstellt, eine App und eine Internetseite ist. Die Fahrer*innen hier sind inzwischen fast ausschließlich als „Freelancer“ beschäftigt. Das bedeutet: Sie müssen nicht nur das Fahrrad, das Handy und die komplette Ausrüstung stellen, die man für diesen Job braucht (Rucksack, Kleidung, etc.). Sie bekommen auch kein Kranken- oder Urlaubsgeld von Deliveroo, keine Unfallversicherung, und keinen festen Stundenlohn. Jede abgeschlossene Lieferung bringt 5€ – darüber hinaus gibt es nichts.

Verkauft wird das Ganze in geschliffenem StartUp-Sprech: Als Flexibilität, Freiheit, Selbstständigkeit. Wer sich anstrengt, schnell ist, viel „Leistung“ bringt, so die Marketing-Geschichte, die verdient auch viel Geld.

Das ist natürlich gleich doppelt und dreifach Quatsch. Einmal wird durch die Bezahlung pro Lieferung beinahe das gesamte Unternehmensrisiko auf die Arbeiter*innen verlagert: Wenn es gerade wenig Bestellungen gibt und Fahrer*innen stundenlang auf der Straße stehen und warten, kostet das Deliveroo gar nichts – die Fahrerin aber eventuell ihre Miete. Da kann sie so „leistungsbereit“ sein, wie sie will.

Aber auch mit der Freiheit und der Flexibilität ist es nicht weit her. Nicht nur Google hat inzwischen entdeckt, dass Daten ein ausgesprochen effektives Kontrollmittel abgeben. Während wir arbeiten, vermittelt die App durchgehend Daten an Deliveroo. Jede Minute, die wir uns zu spät einloggen, wird registriert – ob sie nun unser eigenes Verschulden ist, oder ein technischer Fehler, erkennt die App nicht. Auch unsere Geschwindigkeit wird konstant überwacht – nicht nur beim Fahren, sondern auch beim Treppensteigen, beim Essen abholen und ausliefern. Und wenn vermeintlich Selbstständige Deliveroo Arbeiter*innen eine Bestellung ablehnen, oder eine Schicht kurzfristig absagen, schlägt sich auch das in ihren Statistiken nieder – und wird sanktioniert, indem sie nur noch die Schichten abbekommen, die ihre folgsameren Kolleg*innen nicht fahren wollen.

Kurz gesagt hat Deliveroo, ähnlich wie zum Beispiel Uber, sich darauf spezialisiert, seine Arbeiter*innen wie Selbstständige zu bezahlen, aber wie Angestellte zu kontrollieren. Das wollen wir uns nicht länger gefallen lassen! In Brighton, Barcelona, Milan, HongKong oder Berlin – überall organisieren sich die Arbeiter*innen von Deliveroo und Foodora und kämpfen gegen diese hübsch verpackte Ausbeutung.

Aber auch über die miserablen Arbeitsbedingungen hinaus fügt sich das Geschäftsmodell von Deliveroo perfekt in die Umgestaltung einzelner Bezirke oder ganzer Städte im Sinne des Kapitals ein.

Viele der Kund*innen, die wir für Deliveroo beliefern, sind andere StartUps. Da brauchen die Menschen, die dort arbeiten, dann gar keine Mittagspause mehr. Und ein gutes Image gibt es noch dazu: denn trotz der großzügigen Plastik- und Styroporverpackungen des gelieferten Essens schmücken sich die Unternehmen mit ihrer Umweltfreundlichkeit; schließlich sitzen wir ja auf dem Fahrrad.

Auch sonst muss man sich das Essen, das wir liefern, erst einmal leisten können. Weil die Restaurants ca. 30% Ihres Umsatzes an Deliveroo abgeben müssen, lohnt sich die Kooperation nur dann, wenn das Essen entsprechend teuer ist – oder für große Restaurantketten. Wir selbst jedenfalls können uns das Essen, das wir liefern in der Regel nicht leisten – genauso wenig wie die meisten Wohnungen, in die wir es liefern.

Wenn sich Unternehmen wie Google oder Deliveroo irgendwo ansiedeln, dann heißt es immer, sie würden die Bezirke „aufwerten“. Tatsächlich bringen sie steigende Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und einige, gut bezahlte Jobs für einige, wenige Menschen. Hauptsächlich aber schaffen sie Arbeits- und Lebensbedingungen, in denen sie an möglichst vielen Stellen in den Produktions- und Reproduktionsketten Profite abgreifen können. Und sie schaffen Jobs wie unsere – Jobs für Menschen, die in diesen „aufgewerteten“ Bezirken zwar noch arbeiten dürfen, aber nicht mehr wohnen, leben, oder essen können.

Das sollten wir nicht einfach so hinnehmen! Wir wollen keine hippen Bosse, wir wollen faire Arbeitsbedingungen. Wir wollen keine CoWorkingSpaces, wir wollen Wohnraum für alle. Wir wollen nicht die StartUp-Version von Freiheit und Selbstständigkeit – wir wollen tatsächlich frei und selbstbestimmt arbeiten und leben. Und dafür brauchen wir alles mögliche, aber sicher keinen GoogleCampus.


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