Redebeitrag zum FullNodeHub im Postgebäude

Im September 2017 erklärte der Wirtschaftssenat in einer
Pressemitteilung, dass Berlin mit der Eröffnung zweier sogenannter Hubs
seinem Ziel, zum europäischen Silicon Valley zu werden, näher gekommen
wäre. Sinn und Zweck dieser Hubs ist es, Austauschplattformen in real
life zu sein, in denen sich Start-Ups, Wissenschaft, Mittelstand und
Großunternehmen vernetzen und dadurch innovativ tätig werden können. Der
erste Hub-Standort befindet sich in der Hardenbergstraße im ehemaligen
Hauptsitz der Berliner Bank und beherbergt den FinTech-Hub, um
Kompetenzen auf dem Finanztechnologie-Markt zu entwickeln. Der zweite
Standort ist am anderen Ende des Görli in der früheren Agfa-Fabrik.
Unter der Ägide der Factory sollen hier die neuesten Erkenntnisse aus
der Wissenschaft des Internets der Dinge erst in Warenform, dann zur
marktreife gebracht werden.

Ein dritter, bislang nicht von den Weihen der Silicon-Valley-Senatorin
Ramona Pop bedachter Hub entsteht hier im roten Backsteingebäude der
Skalitzer Straße 85. Mit Full Node soll Europas größter Blockchain-Hub
entstehen.
Was hat das zu bedeuten? Nichts gutes! Wieso? Zunächst einmal, weil sich
hinter dem gehypten Begriff Blockchain mehr verbirgt als die
Cryptowährung Bitcoin. Eine Blockchain ist zunächst nicht mehr als eine
Reihe von Datensätzen, die mit kryptographischen Verfahren miteinander
verkettet sind und beliebig erweiterbar ist. Dadurch können Blockchains
zur digitalen Buchführung eingesetzt werden, wie es eben am Beispiel
Bitcoin getan wird.
Wozu Blockchains noch eingesetzt werden können, damit wirbt das Start-Up
Gnosis. Gegründet vom jetzigen Chief Executive Offizier Martin
Köppelmann und dem jetzigen jetzigen Chef-Ingenieur Stefan George ist es
das Ziel des Start-ups, eine revolutionäre, marktbasierte
Vorhersagetechnolgie zu entwickeln, die unser aller Zukunft verändern
soll. Unter den sogenannten Prediction Markets sind aber keine Märkte im
herkömmlichen Sinn zu verstehen, auf denen Waren von der einen zum
anderen mittels Geld wandern. Die Prognosemärkte sind Märkte, auf denen
Informationen gesammelt werden, um das zu erwartende Ergebnis eines
zukünftigen Ereignisses bestimmen zu können. Wenn diese Informationen in
eine Blockchain gesammelt und miteinander verbunden werden, eröffnen
sich ganz neue Möglichkeiten des Blicks in die digitale Kristallkugel.
Dass damit Auktionsergebnisse oder Schwankungen auf dem Finanzmarkt
vorhergesagt werden sollen, ist noch das harmloseste Beispiel. Gnosis
träumt auch davon die Technik im Bereich der Governance einzusetzen,
also in der kybernetischen Steuerung und Regelung von Regierungs-, Amts-
und Unternehmungsführung. Damit immer noch nicht genug und das
eigentlich revolutionäre in den Augen von Gnosis ist, dass unser
zukünftiges Zusammenleben mit Hilfe von Blockchaintechnologie und
sogenannten Smart Contracts geregelt werden soll. Das können alle Formen
von Verträgen sein, vom Kaufvertrag bis zum Gesellschaftsvertrag. Das
angeblich „smarte“ an diesen Verträgen ist, dass sie Computerprotokolle
sind, die die Einhaltung dieser Verträge überwachen und Verstöße dagegen
sanktionieren können.
Kurz gesagt: Gnosis träumt davon eine Technologie zu entwickeln, in der
die Zukunft vorhersagbar ist und in der für die Einhaltung der Regeln
des Zusammenlebens von Computern gesorgt wird. Gnosis träumt den Traum
kybernetischer Überwachung und Kontrolle.
Um diesen Traum in die Tat umzusetzen, hat Gnosis die Idee des
Blockchain-Hubs Full Node entwickelt, der hier in der Skalitzer Straße
im April eröffnen soll. Sinn und Zweck von Full Node ist es, die
Koryphäen der Blockchain-Community an einem Ort zu versammeln, um die
kreativen Kräfte zu Bündeln, alle Möglichkeiten, die die
Blockchaintechnologie zu bieten hat, auszuloten und letztlich dem Ziel
der Verwirklichung ihres Traums einen Schritt näher zu kommen.
Um die Entscheidung, teil des Hubs zu werden, besonders schmackhaft zu
machen, wirbt Full Node mit seiner ausgezeichneten Lage im lebendigen
Kreuzberg mit seinen Bars, Clubs und Restaurants. Besonders betont wird
die Nähe zum Room 77 in der Gräfestraße 77, dem ersten Laden weltweit,
in dem mit Bitcoin bezahlt werden kann und in dem sich der Berliner
Bitcoin Stammtisch trifft. Außerdem seien in Berlin die
Lebenshaltungskosten niedriger und Büroräume billiger als in London, was
vorher als europäische Blockchain-Zentrale gehandelt wurde.
Wie lange aber Kreuzberg noch so lebendig bleibt und wie lange Büro- und
auch Wohnraum so vergleichsweise billig bleiben, wenn zahlungskräftige
Start-Up-Gründer auf den Wohnungsmarkt drängen, dürfte klar sein. Vor
allem, wenn sich sowohl Wohnung als auch Büro im hippen Kreuzberg
befinden sollen. Neben kybernetischer Überwachung und Kontrolle wird wie
mit der geplanten Eröffnung des Google Campus mit der Eröffnung des
Blockchain-Hubs Full Node der Gentrifizierungsmotor in Kreuzberg und
Berlin insgesamt einen Gang höher geschaltet.
Dass in der Skalitzer Straße 85 überhaupt Büroräume für die Technokraten
der Zukunft zur Verfügung stehen, liegt daran, dass einer der
Samwer-Brüder das Gebäude gekauft hat und an Start-Ups vermietet. Die
Samwer-Brüder sind Bekannt als Besitzer der Start-Up-Schmiede Rocket
Internet, deren bekanntestes Produkt Zalando ist. Zalando macht sich
derzeit in Friedrichshain-Kreuzberg breit.
Allerdings sorgte der Kauf und die Vermietung des Backsteingebäudes in
der Skalitzer Straße durch Samwer in letzter Zeit für
Negativschlagzeilen. Bereits im Gebäude ansässigen Start-Ups beschweren
sich über den Lärm des sich dort ebenfalls schon lange befindlichen
Clubs. In den Berichten heißt es weiter, dass neben den Klagen wegen
Lärmbelästigung der Club mit Mietsteigerungen ums doppelte und typischen
Verdrängungsmethoden wie kaputter und nicht reparierter Heizung zu
kämpfen habe.
Wie für den Club in der Skalitzer Straße 85 wird sich auch die Situation
für die Menschen, die in Kreuzberg leben und sich nicht der neuen
technokratischen Start-Up-Ideologie anpassen wollen, nicht verbessern,
wenn sich neben Zalando auch noch Unternehmen wie Google und Gnosis mit
ihrem Blockchain-Hub Full Node hier weiter breit machen und die nächste
Welle der Gentrifizierung auslösen. Deshalb:
Zalando – Fuck off!
Google – Fuck off!
Gnosis und Full Node – Fuck off!
Im April diesen Jahres soll Full Node eröffnet werden. Später im Jahr
der Google Campus in der Ohlauerstraße! Wir werden ihnen klar machen,
dass wir weder ihre Welt, ihre Technik, noch ihr Geld wollen. Sondern
wir wollen nichts von ihren technokratischen Träumen hören. Wir wollen
ihre Träume zerstören.


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