Redebeitrag: Wie ein BMW-Marketingprojekt aus dem Wrangelkiez verscheucht wurde

Hallo zusammen,

beim letzten Kiezspaziergang gegen den Google-Campus haben wir euch die kleine Geschichte der Cuvrybrache erzählt. Heute wollen wir einen Teil davon rausgreifen. Und zwar wie die Imageveranstaltung BMW-Guggenheim-Lab dort aus Kreuzberg rausgeschmissen wurde.

Im Sommer 2012 sollte auf der Cuvrybrache das BMW-Guggenheim-Lab entstehen. Das Jahr zuvor war es in New York, 2013 gings nach Mumbai. Danach war dann plötzlich Schluß, eigentlich sollte es noch bis 2016 weiter gehen. Laut dem Leiter des BMW-Kulturengagements hatte „der heftige Streit um das Projekt in Berlin mit der Entscheidung aber nichts zu tun.“

Okay, lassen wir mal so stehen und fangen von vorne an. Anfang März 2012 sprach sich im Wrangelkiez rum, dass das BMW-Guggenheim-Lab auf die Cuvrybrache kommen sollte. BMW-Guggenheim-Hä? Niemand konnte damit was anfangen. Also an den Rechner gesetzt und gegooglet. Hey Google du Scheiß-Datenkrake, danke dass du uns das recherchieren über unsere Feinde so einfach machst. Oder wie olle Karl Marx schon sagte: „Der Kapitalismus schafft in Permanenz die Bedingungen seiner eigenen Überwindung.“

Was war nun dieses Lab? Nach Selbstdarstellung ein temporäres „Forschungslaboratorium“ zum Thema „urbanes Leben und Wohnen in der Zukunft“. Fette Phrasen. Nach etwas Recherche fand sich dann der BMW-Marketingchef im „Manager Magazin“ mit folgendem: „mit dem BMW Guggenheim Lab, möchten wir jene ansprechen, die heute vielleicht noch keine besondere Affinität zur Marke BMW haben.“ Also eine schnöde Imagekampagne. Gewürzt mit dem hippen Kreuzberg und auf Kosten der Kreuzberger Mieter*innen. Aber vergessen dass es in Kreuzberg eine lange Tradition von Widerstand gibt. Hello Google, winke, winke, Widerstand.

Weitere Recherchen ergaben dann ein immer hassenswerteres Bild von BMW. Größter Anteilseigner ist die Familie Quandt, reich geworden mit Rüstungsgütern im 1. Weltkrieg und im Faschismus inklusive der Ausbeutung von Zwangsarbeitern. Nach dem Faschismus die Kohle in den goldenen Nazi-Westen gerettet. Jetzt macht die Familie 100erte Millionen Dividende jedes Jahr. Erbuckelt unter anderem von einem Heer von Leiharbeitern.

Das und noch viel mehr in allen Details an die Öffentlichkeit zu bringen, dafür war das Lab natürlich nicht gedacht. Aber nimm ein paar beherzte Freundinnen und Genossen. Hab keine Angst vor der Presse und der direkten Konfrontation und schon geht die Imagekampagne kräftig nach hinten los. Hello Google, ein Paar Kratzer im Lack, das geht ganz schnell. Alle kapitalistischen Unternehmen haben Dreck am Stecken. Das geht gar nicht anders weil Kapitalismus nun mal eine Drecksveranstaltung ist.

Das dämmerte auch BMW nachdem einige die Auftaktveranstaltung gesmasht hatten. Und das nur indem sie ihren Unmut freien Lauf liessen und als Video ins Netz stellten. Einige Tage später kündigte BMW seinen Rückzug aus Kreuzberg an. Politik und Presse flippten aus. Und der, mittlerweile in der Versenkung verschwundene, damalige Innensenator Henkel jammerte: „Diese Chaoten sind ein Standortrisiko für Berlin.“ YEAH!

Hey Google, google doch mal BMW-Guggenheim-Lab. Du wirst ein Imagedesaster finden, das sich gewaschen hat. Du wirst hunderte von Zeitungsartikeln finden. Die netteren machen sich nur lustig über das Lab. Andere schreiben unter dem Titel „Linksextreme stoppen Guggenheim-Lab“: „Das internationale Projekt „BMW Guggenheim Lab“ ist gescheitert. Aufgrund der hohen Gefährdungseinstufung gaben die Initiatoren den Plan auf, ihre Denkfabrik in Kreuzberg zu errichten.“ Hello Google, hello Google. Das Lab ist schon lange wech und wir sind immer noch hier, die netten Chaoten von nebenan.

Google enteignen und zerschlagen. Google Campus verhindern. Weg mit der Stadt der Reichen.
Für eine solidarische Stadt. Wir bleiben Alle!

Anwohner*innen aus dem Wrangelkiez

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Eine kleine Geschichte der Cuvrybrache

Als der Wrangelkiez noch nicht hip und trendy war, war die Cuvrybrache einfach eine Brache: Sand, Unkraut und ein paar Schuppen – rausgefallen aus der Verwertungslogik. Da konnte das „YAAM“, ein multikulturelles Projekt, von 96 bis 98 unterschlüpfen. Die ersten Firmen, die dort bauen wollten gingen Pleite. Und so wurde das Gelände trotz Zaun von Anwohner_innen als Grillplatz, zum Abhängen, als Gemeinschaftsgärten und zum Graffiti-Sprühen genutzt.

Aber langsam kam die Aufwertung der Gegend in Gang. Die Cuvrybrache war Teil des Projektes Mediaspree, sogenanntes Public Private Partnership. Dabei wurden alle öffentlichen Flächen an Investoren verschleudert und die Interessen der Anwohner_innen ignoriert. Wie beim Bürger_innenentscheid gegen Mediaspree. Bei einem der zahllosen Proteste gegen MediaSpree, wurde die Cuvrybrache im Juni 2010 „geentert“. Die Polizei hatte was dagegen und vertrieb die Leute gleich wieder. Merke: Auch das Eigentum an einer leeren Brache wird vom Staat geschützt. Zumindest an bestimmten Tagen, denn nach dem „Mediaspree entern“-Tag war auf der Brache alles wie immer: chillen und grillen.

2012 kam dann BMW auf die Idee sein Marketingprojekt „BMW Guggenheim Lab“ auf der Brache zu etablieren. Anwohner_innen hatten aber keine Lust sich für dumm verkaufen zu lassen und taten dies auf der Auftaktveranstaltung lautstark kund. BMW hatte Angst dass die Imagekampagne nach hinten los geht und verlegte die Veranstaltung lieber in den Prenzlauer Berg. Der darauf einsetzende Presserummel war enorm. Im Tagesspiegel jammerte der CDU-Innensenator Frank Henkel: „Diese Chaoten sind ein Standortrisiko für Berlin.“ Da haben sich viele gefreut.

Nachdem das „BMW Gentrifizierungs Lab“ erfolgreich vertrieben wurde, siedelten sich immer mehr Menschen auf der Brache an. Camper, Aussteiger, Obdachlose. Im Juni 2013 stellte der neue Eigentümer seine Pläne für die, jetzt „Cuvryhöfe“ genannte, Brache, öffentlich vor. Die Veranstaltung wurde zu einem Desaster für die Bauherren. Nach einer turbulenten dreiviertel Stunde schlichen sie unter „BMW Lab“ grüßt „Cuvryhöfe“ und „Haut ab“ Rufen von dannen.

Derweil wurde die Brache immer voller. Waren es am Anfang einige Zelte und Hütten, entstanden nun richtige Straßen. Menschen aus allen möglichen Ländern fanden hier einen Unterschlupf. Und so entstand eine Favela in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt. Einen Brand auf dem Gelände nutzte der Eigentümer dem ein Ende zu setzen. Nach der Evakuierung sicherte ein Wachschutz das Gelände und lies niemand mehr drauf.
Die „Cuvryhöfe“ wurden dann doch nicht gebaut, weil der Eigentümer sich mit dem Senat nicht einigen konnte wie hoch der Anteil „günstiger Sozialwohnungen“ sein sollte. Kurzerhand liess er den Plan der „Cuvryhöfe“ fallen und griff auf einen alten Bebauungsplan zurück. Das Ergebnis sehen wir hier. Das ganze heißt jetzt „Cuvrycampus“. 7 Stockwerke, 40.000 qm Fläche, Tiefgarage.

Hier will der Online-Händler Zalando mit 2000 Mitarbeitern 2019 einziehen. 2000 Mitarbeiter werden durch ihre ökonomische Kraft die Umgebung nochmals umwälzen. Zalando gehört den 3 Samwer-Brüdern. Die haben durch das Kopieren von erfolgreichen Geschäftsmodellen ein Vermögen von 1,7 Milliarden US-Dollar angehäuft, jeder von ihnen. Und sind nicht nur hier als Gentrifizierer bekannt sondern auch in der Skalitzerstr. und in Neukölln.

So, was sagt uns nun diese kleine Geschichte der Cuvrybrache?

Solange die Verhältnisse sind wie sie sind, ist die Frage wem die Stadt gehört rein rhetorisch. Sie gehört dem Kapital, alles andere ist Illusion. Aber auch das Kapital hats nicht leicht, schließlich hat es von den ersten Versuchen bis zur Bebauung 20 Jahre gebraucht.

Und an der heillosen Flucht des BMW-Lab haben wir verblüfft gesehen, was für eine Scheißangst große Firmen um ihr Image haben. Auch die großen Firmen wissen um den jahrelangen Widerstand mit unterschiedlichsten Aktionsformen, und sie wissen dass die Leute hier auch die direkte Konfrontation nicht scheuen. Alles in allem keine schlechte Vorraussetzung um einfach weiter zu kämpfen.

Anwohner*innen aus dem Wrangelkiez


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