Ein Jahr „Factory Berlin“ in Treptow – ein Jahr Rausschmiss & Verdrängung

## Eine Geschichte von Startups und Verdrängung ##

Büromieter fürchten Kündigungen Ende Juni
Berüchtigter Immobilienbesitzer Marweld kauft historisches Fabrikgebäude in Alt-Treptow

Für eine Investitionssumme von 23 Millionen Euro hat der Immobilienbesitzer Boris Gregor Marweld ein Bürogebäude in Alt-Treptow gekauft. Die Mieter fürchten nun ihre Kündigung Ende des Monats.

Als Ralf Güthe am 17. Mai einen Brief von der »Stiftung Bildung und Handwerk« bekommt, das Haus mit seinem Büro sei verkauft und er solle ab Juni seine Miete an die »JoLo Berlin Liegenschafts-GmbH« überweisen, hatte der Kräuterlikör-Hersteller gerade die Produktionsräume seiner kleinen Firma umfangreich ausgebaut. Bereits 19 Jahre ist der Geschäftsführer von »sensatonics« Mieter in der Lohmühlenstraße 65, einem roten Klinkerbau am Ende des Görlitzer Parks, in dem auf vier Etagen vor allem Selbstständige wie Psychologen, Übersetzer und Geisteswissenschaftler arbeiten.

Güthe rief beim neuen Eigentümer an, doch es meldete sich nicht die »JoLo GmbH« sondern eine Mitarbeiterin von »s+p Real Estate«. Diese sagte, sie sei angewiesen worden, allen Mietern zu sagen, dass das Haus entmietet und modernisiert werde. Ende Juni kämen die Kündigungen. Dies wollte die Mitarbeiterin dem »nd« nicht bestätigen und verwies auf »die Zentrale«.

Boris Gregor Marweld ist in der Stadt kein Unbekannter: Als 2005 das Wohnprojekt Yorck59 geräumt wurde, war er der Hausverwalter des Eigentümers. Seit 1998 hat er in rund 20 Immobilienfirmen gearbeitet, meist als Geschäftsführer. Auch das aktuelle Firmengeflecht scheint verworren: Die »JoLo GmbH« wurde nach dem Kauf der Lohmühle am 27. Mai in »L65 Grundbesitz GmbH« umbenannt, Geschäftsführer ist nun nicht mehr Marweld, sondern Stefan Klemm. Eine schriftliche Anfrage des »nd« ließ dieser bis Redaktionsschluss dieser Seite unbeantwortet. Auf der Homepage von Marwelds neuer Firma, der am 6. Juni gegründeten »Formac Consult Real Estate GmbH«, führt er die Lohmühle jedoch weiter als »aktuelles Projekt«.

Das 1895 gebaute Fabrikgebäude hat nicht nur historischem Wert – es war teil des AGFA-Areals, der späteren IG Farben. Das Haus mit Blick über den Görlitzer Park hat auch Immobilienwert: 23 Millionen Euro Investitionssumme nennt Marweld auf seiner Homepage.

Rein rechtlich kann Gewerbe kurzfristig und ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Der Milieuschutz, den die Bezirksverordnetenversammlung Treptow-Köpenick Ende April für Alt-Treptow beschlossen hat, gilt hierfür nicht. Auch im nahe gelegenen Kreuzberg sieht man eine »eklatante Regelungslücke«, wie es der Bezirksvorsitzende der dortigen LINKEN, Pascal Meiser, bezeichnet.

An diesem Dienstag treffen sich die Büromieter, um zu beraten, wie sie weiter vorgehen. Güthe hat schon angefangen, nach neuen Büros zu suchen: Die Mietpreise in der unmittelbaren Umgebung seien inzwischen doppelt so teurer. Er sagt: »Da muss man weiter rausziehen, aber das können wir nicht.«


Büromieter in Treptow wehren sich gegen drohenden Rauswurf

Am Dienstag luden die Mieter des Bürogebäudes in der Lohmühlenstraße in Treptow Politiker ein, um über Strategien gegen ihre drohende Kündigung zu sprechen.

Der Grund für das Treffen im Ausbildungsrestaurant in der Lohmühlenstraße ist schnell benannt: »Mein Ziel ist es, hierzubleiben«, sagte Ulf Heidel, selbstständiger Lektor. »Wir wollen Informationen zusammentragen, auch, um eine bessere Verhandlungsbasis zu haben«, sagt Kevin Stützel, Doktorand der Sozialpädagogik. »Es ist eine moralische Grenze überschritten worden«, sagt ein dritter Mieter. »Es kann nicht sein, dass jemand ein Haus kauft, mit der Absicht, es zu entmieten.«

Doch genau das ist passiert. Die rund 30 Anwesenden erwartet nach Auskunft des neuen Besitzers Ende Juni die Kündigung. Die Stiftung Bildung und Handwerk hatte das Gebäude dem Immobilienspekulanten Boris Gregor Marweld verkauft, inzwischen ist seine Firma in »L65 Grundbesitz GmbH« umbenannt und ein neuer Geschäftsführer eingesetzt worden.

Rein rechtlich, so stellt die Versammlung schnell fest, gibt es kaum Möglichkeiten, gegen die drohende Kündigung vorzugehen. Besitzer können Gewerbe kurzfristig kaufen und verkaufen, sie können Mieter schnell und ohne Angabe von Gründen kündigen. »Da müssen die sich nicht nackig machen«, sagt Katrin Schmidberger, Sprecherin für Stadtentwicklung der Grünen im Abgeordnetenhaus.

Sie ist eine von drei Politikern, die gekommen sind, um über die Möglichkeit des politischen Protests zu reden, der weitaus wahrscheinlicher zu Erfolgen führen wird, zumal Wahlkampf ist. Auch Harald Moritz, Schmidbergers Parteikollege aus dem Abgeordnetenhaus, ist gekommen. Er ist Gründungsmitglied der Kunger-Kiez-Initiative und des Sozialbündnis Alt-Treptow. Ebenso anwesend ist Katalin Gennburg, die als Direktkandidatin der LINKEN im Stadtteil zur Abgeordnetenhauswahl antritt.

Der Lektor Heidel erzählt von seinem Versuch, beim Amt für Denkmalschutz herauszufinden, ob es Bedenken gegen die angekündigte Sanierung gibt. Denn das Fabrikgebäude ist »letzter Zeitzeuge des ehemaligen Areals der AGFA«, wie der Immobilienspekulant Marweld auf seiner Homepage wirbt. Dem gibt die Grüne Schmidberger keine Chance: »Der Denkmalschutz hat noch nie eine Schweinerei verhindert.« Eher noch könne der Naturschutz die Sanierung stoppen: »Wenn Sie hier zum Beispiel eine seltene Vogelart entdecken, das wäre gut.«

Der Mietpreis ist mit sieben bis neun Euro Kaltmiete pro Quadratmeter noch relativ günstig. Deshalb stehen besonders Kleinunternehmer vor dem Problem, eine vergleichsweise kostengünstige Bleibe zu finden. Die Strategien der Mieter, mit der neuen Situation umzugehen, sind unterschiedlich. Ein Mieter sagt, er habe bereits neue Räume in der Wuhlheide gefunden und zu Mitte Juli selbst gekündigt. »Ich habe einen Versand und kann es mir nicht leisten, keine Adresse zu haben.« Eine andere Mieterin sagt, sie habe in ihre Räume eine Werkstatt gebaut. »Ich kann nicht einfach meinen Laptop zuklappen und woanders wieder aufbauen.« Anders der Doktorand Stützel: »Ich werde wahrscheinlich in der Bibliothek arbeiten.«

Trotz der geringen Chance beschließen die Mieter, eine Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen: Allerdings müssen sie dafür auf die offizielle Kündigung warten. »Nicht warten«, sagt Schmidberger, »die Zeit läuft immer gegen die Mieter.« Sie rät, auf das Bezirksamt politischen Druck auszuüben: »Es sagen immer alle, eine gemischte Stadt sei toll, aber wie man das reguliert, ist damit nicht beantwortet.« Ihr Kollege Moritz rät, das Argument in den Vordergrund zu stellen, dass hier auch viele selbstständige Psychologen arbeiten: »Die ärztliche Versorgung ist für die Menschen, die hier wohnen, sehr wichtig.« Der Milieuschutz müsse auch auf Gewerbe ausgeweitet werden, sagt Schmidberger: »Es macht ja keinen Sinn, wenn man die Wohnungen schützt, aber die Leute können nicht mehr zum Arzt gehen.«

Die Mieter wollen dem neuen Besitzer nun Termine für ein Treffen vorschlagen. Am Donnerstag wollen sie in der Bezirksverordnetenversammlung ihren Protest äußern. An den zuständigen Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD) wollen sie einen Brief schreiben und ihn vor Ort ansprechen. Am 12. Juli planen sie eine Veranstaltung mit Gregor Gysi. Der Bundestagsabgeordnete will die Lohmühlenstraße, Teil seines Wahlkreises, besuchen und mit den Mietern sprechen.


Halloween Party at abandoned old factory building?

›Berlin Factory’s‹ invitation for the ›Berlin Tech Halloween Party‹ left us utterly stunned as they portray their new party location as an ›abandoned old factory building‹ in their latest facebook announcements. What said location (an historic factory building in Lohmühlenstraße 65) really was until just a month ago, was one of the last affordable working places in the area for over 150 mostly self-employed people operating in various fields such as art, film-making, science, translation and psychotherapy, amongst other things. When the building, where ›Berlin Factory‹ now tries to simulate the Berlin-empty-factory-vibe of the 1990s, was bought by a shady network of real estate investors to make way for the expanding enterprise we all got kicked out. Every effort to negotiate or even talk to the people responsible for the loss of our workplace proved futile. They simply refused to react to any attempt at dialogue we made with the help of local politicians and the press. Now we are scattered all over Berlin, some of us working from public libraries, others from their homes, some small businesses owners being in severe economic distress while the new owners are on their way to make a fortune. Last Friday’s Halloween party was part of an attempt to wipe clean the dirty history behind the building’s unfriendly take-over and a stepping stone in the creepy gentrification process that has been going one in Berlin for years.

›Abandoned building‹? Indeed, but only after a real estate company bought it and threw out everyone who had been working there for years!

Some of the former tenants of the Lohmühlenstrasse 65

Am Görlitzer Park entsteht einer der größten Start-up-Campusse Europas

Klein und bescheiden ging es in der überaus selbstbewussten Berliner Start-up-Szene noch nie, und daher wundert man sich auch nicht, wenn hier nun das „größte Clubhaus für Start-ups in Europa“ entstehen soll. Was denn sonst?!

An der Ostseite des Görlitzer Parks, auf dem anderen Ufer des Landwehrkanals, lässt der Berliner Unternehmer Udo Schloemer derzeit ein ehemaliges Fabrikgebäude zu einer Herberge für Jungunternehmer der Digitalbranche herrichten. Die Baufirmen befinden sich inzwischen bereits auf der Zielgeraden. Ende Oktober, spätestens im November soll eröffnet werden. Dann stehen der digitalen Kreativ-Gemeinde in der ehemaligen Agfa-Fabrik mehrere hundert Arbeitsplätze zur Verfügung.

Für Udo Schloemer, gebürtiger Stuttgarter und Jahrgang 1970, ist das Projekt in der Alt-Treptower Lohmühlenstraße die Fortsetzung einer Erfolgsstory. 2011 hatte der einstige Immobilienunternehmer die Idee für ein Start-up-Campus in Berlin und eröffnete drei Jahre später an der Bernauer Straße die Factory Berlin, in der sich sogleich Firmen wie Uber, Google, Soundcloud oder Twitter ansiedelten und Gründer für einen Monatsbeitrag von 50 Euro einen Arbeitsplatz samt digitaler Infrastruktur bekamen. Schloemer hatte mit der Factory die Bürogemeinschaft neu definiert. Die Agfa-Fabrik ist nun Factory Nummer zwei.

Einen „mittleren zweistelligen Millionenbetrag“, so heißt es, hat Schloemers Unternehmen Factory Berlin in den Um- und Ausbau der alten Farbfabrik investiert. Wenn der Start-up-Campus fertig ist, wird er 14.000 Quadratmeter auf fünf Etagen bieten und damit die Ur-Factory in Mitte übertrumpfen. Außerdem wird es neben Büros und Konferenzräumen ein Restaurant sowie ein Café geben, auch eine Bibliothek, einen Meditations- und einen Yoga-Raum, ein Kino mit Sofas, ein Labor mit 3D-Druckern und Lasercuttern und letztlich ein acht Meter langes Bällebad mit 34.000 Plastikbällen. Arbeit soll auch Spaß machen.

Die Nutzung ist jedoch der sogenannten Factory-Community vorbehalten. Deren Mitglieder zahlen genannten Monatsbeitrag, so sie zuvor den Bewerbungsprozess der Factory erfolgreich durchlaufen haben. 1000 Mitglieder hat die Gemeinschaft derzeit. Spätestens im nächsten Sommer sollen es aber schon 2000 sein, wobei die Factory nicht nur Freiberuflern, kleinen Teams und Start-ups eine Wirkungsstätte bieten will, sondern auch Innovationsteams internationaler Konzerne. Schloemer sieht die Factory längst als Business-Club, in dem Start-ups und etablierte Unternehmen zusammenkommen.
Ein Netzwerk für Innovationstreiber

Das neue Haus ist zwar noch längst nicht ausgebucht, hat aber bereits vielversprechende Mieter. So wird die gerade erst gegründete CODE University, eine staatlich anerkannte Hochschule für digitale Produktentwicklung, in der Factory II ein Zuhause finden und dort mit dem Wintersemester 2017/18 starten. Auch die staatlich genehmigte Sekundarschule NewSchool zieht in Alt-Treptow ein. Selbst die Bundesregierung ist dabei. Der sogenannte Digital-Hub für das Thema „Internet of Things“ in Deutschland wird am Görlitzer Park platziert.

Die Startbedingungen sind also gut, und da lenkte dann auch die örtliche Politik ein. Stießen die Pläne der Factory im vergangenen Sommer beim Bezirk noch auf Kritik, so sandte dessen Bereich Wirtschaftsförderung der Factory nun via Facebook ein „Herzlich Willkommen im Bezirk Treptow-Köpenick“. Man freue sich über Innovationen, die Etablierung eines Digital-Hubs und der Code University „bei uns“.

Damit sollte also Factory-Chef und Gründer Schloemer der Realisierung seiner Vision ein gutes Stück näher kommen können. Denn nach eigenen Angaben will er mit dem Factory-Konzept ein Netzwerk für Innovationstreiber aus alter und neuer Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Medien schaffen. Natürlich das weltweit wichtigste Netzwerk. Was sonst.

Start-Up-Campus Factory Berlin: „Rausgeworfen, angelogen und verarscht“

Alex Samuels ist einer von 50 Künstlern, die vor zwei Jahren ihre Ateliers in Friedrichshain räumen mussten. Sie hofften auf eine Rückkehr in die sanierte „Factory Berlin“. Diese Hoffnung ist jetzt geplatzt.

Alex Samuels steht vor der ehemaligen Post der DDR – dem kleinen gelblichen Gebäude zwischen Friedrichshainer Plattenbauten. Vor zwei Jahren wurde das Objekt in der Palisadenstraße 89 verkauft – Samuels und rund 50 weitere Künstler und Musiker, die seit 2003 dort gearbeitet und geprobt hatten, mussten raus. Erst „PostOst“, dann „PostBerlin“ nannten sie ihr Künstlerkollektiv. Die Deutsche Telekom verkaufte das Haus an die „P89 Grundbesitz GmbH“. Neuer Mieter nach der Sanierung sollte „Factory Berlin“ werden, laut Eigenbeschreibung „größter Start-Up-Campus Deutschlands“ – und es sollte geprüft werden, ob die ehemaligen Mieter in das Bürogebäude integriert werden können.
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Das Postgebäude sollte abgerissen und ein Bürogebäude gebaut werden. Zudem war ein Aufbau auf dem Dach geplant, dort sollten Ateliers für die „PostBerlin“-Künstler entstehen. Ein Architektenentwurf wurden angefertigt, Politiker und Vertreter der Factory warben für das Projekt. Doch nun ist die Factory als Mieter abgesprungen – die Enttäuschung bei den Künstlern ist groß.

Seit zwei Jahren ist nichts passiert an oder in dem Gebäude. Samuels fragt sich, warum sie nicht noch hatten bleiben können. Erst Anfang dieses Jahres begannen Bauarbeiten; das zum Objekt gehörende Nebengebäude mit der weißen Fassade wird lautstark entkernt. Laut Baubeschreibung sollen „Büro- und Arbeitsräume für Start-Up- und Internetunternehmen“ entstehen. Die Baugenehmigung liegt vor. Wer wird diese Räume nun mieten? „P89″ wollte sich auf Nachfrage nicht dazu äußern. Daher ist unklar, ob das Objekt abgerissen wird. Vermutlich ist ein Neubau geplant – nur eben ohne Aufbau für Ateliers.

„Ich verstehe, dass die Künstler frustriert sind“

Einige der „PostBerlin“-Künstler hoffen noch, dass sie irgendwann wieder ihre Ateliers in dem umgebauten Postgebäude beziehen können. Samuels hingegen hat diese Hoffnung aufgegeben. Factory Berlin sagte dem Tagesspiegel auf Nachfrage, „in keinem Zusammenhang mit dem Standort an der Palisadenstraße“ zu stehen. Es habe seinerzeit Verhandlungen gegeben, „dort einen Factory-Standort zu eröffnen und die Künstler als wichtigen Bestandteil mit einzubinden.“ Durch die Möglichkeit, einen Standort in der Lohmühlenstraße am Görlitzer Park zu eröffnen, sei dann jedoch von der Anmietung der Palisadenstraße Abstand genommen worden.

Udo Schloemer, einer der Gründer von Factory Berlin, sagte, man habe niemanden verdrängen wollen und hätte die Künstler sehr gerne in ein mögliches Projekt integriert. Auf die derzeitige Entwicklung des Stadtortes habe weder die Factory noch er einen Einfluss. „Ich verstehe, dass die Künstler frustriert sind“, so Schloemer. Aber die Factory sei lediglich Mietinteressent gewesen. Die P89 sei auch auf externe Geldgeber angewiesen gewesen, welche abgesprungen wären. Auch vom Bezirk sei nichts gekommen. Wenn dieser den Aufbau für die Künstler finanziert hätte, würde es nun vielleicht anders aussehen, so Schloemer. Aber die Politik sei nicht sonderlich aktiv gewesen. Das Interesse seitens des Bezirkes sei zwar da gewesen, aber nie habe dieser konkrete Zahlen vorgelegt.
„Die Stadt wird von Investoren als Ware gesehen“

Florian Schmidt (Grüne), heute Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg, war vor zwei Jahren noch Atelierbeauftragter und versprach damals, sich für den Atelier-Aufbau einzusetzen. Heute sagt er, es sei eine Chance vertan worden, gemeinwohlorientierten Wohnraum zu schaffen. „Die Factory Berlin hat dabei eine unrühmliche Rolle gespielt und kann sich da auch nicht mehr rausreden.“ An dem Beispiel zeige sich, dass die Stadt von Investoren als Ware gesehen werde. Die neuen Mieter des Gebäudes sollten sich dieses unrühmlichen Vorgangs bewusst sein. Auch der damalige Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) versprach vor zwei Jahren, sich für den Erhalt der Ateliers einzusetzen. „Wenn man Politik braucht, sollte man mit ihr kooperieren“, hatte er 2016 in Richtung Factory gesagt. Nur: Kurze Zeit später war Renner kein Staatssekretär mehr.

Die in der Palisadenstraße 89 arbeitenden Bauarbeiter geben an, nicht zu wissen, was gebaut werden soll. Die meisten von ihnen verstehen kein Deutsch oder Englisch – oder reagieren nicht auf Fragen. Nebenan baut die Wohnungsbaugenossenschaft WBM ein neues Wohnhaus, das „Strauss Haus“. Der Kiez dürfte sich mit dem Zuzug neuer Anwohner und einem neuen Bürogebäude anstelle der ehemaligen Post massiv verändern.
„rausgeworfen, angelogen und verarscht“

Alex Samuels fühlt sich „rausgeworfen, angelogen und verarscht“. Mehr als ein Jahr lang hatte es Treffen mit Vertretern von Factory Berlin gegeben. „Das ist ein ganz klarer Wortbruch“, sagt er nun, als er erfährt, dass Factory Berlin aus der Sache raus ist. „Sie sind einfach nach und nach verschwunden, haben langsam den Kontakt abgebrochen.“ Samuel erinnert sich an einen Vertreter von Factory, der immer mit seinem goldenen Retriever-Puppy aufgekreuzt sei. „Das war ein absoluter Profi, kam sympathisch rüber“, sagt Samuels heute. Irgendwann sei er jedoch von der Bildfläche verschwunden, er gab an, nicht mehr bei Factory Berlin zu arbeiten und antwortete nicht mehr auf Mails oder Anrufe der Künstlergruppe – ebenso wie Factory Berlin. Samuels lacht verkniffen.

Immer wieder haben die Künstler den Projektentwurf an Factory Berlin und Baustadtrat Schmidt geschickt mit der Bitte, sich diesen anzusehen. Noch am 17. Februar 2017 antwortete der Factory Vertreter wie folgt: „Super, Danke, habs gerade an meine Partner weitergeleitet und gefragt, wie wir da weiter machen, damit es nicht weiter versackt, ich bin, wie ich vor kurzem beim Treffen erklaert habe, mittlerweile ganz tief in administrativen/operativen Kleinkleins versunken und hab immer weniger mit Themen zu tun, die fuer Euch wichtig sind, bin quasi nur noch historisch Euer Ansprechpartner, ich hab mal gefragt wen die jetzt am besten vorschlagen wuerden und meld mich wieder, sobald die zucken, bin grad nicht in Berlin.“

Der ehemalige Mitgründer der Factory Berlin gibt dem Tagesspiegel gegenüber an, gekündigt zu haben. Factory Berlin bestätigt auf Nachfrage, dass er nicht mehr für sie tätig ist. Die Sache damals mit den Künstlern in der Palisadenstraße „sei ungünstig gelaufen“. Gerne hätte er das Projekt verwirklicht gesehen. Aber innerhalb der Factory habe es verschiedene Interessen gegeben. Nachdem dieser Factory-Vertreter für die Künstler nicht mehr zu erreichen war, erhielten diese eine neue Ansprechpartnerin, welche sich aber ebenfalls nach kurzer Zeit nicht mehr zurückmeldete, erzählt Samuels.

„Das, was ihr macht, ist wie Döner. Wir machen aber Eis“

Samuels erinnert sich noch an den ersten Satz, der vonseiten der Factory-Vertreter in der ersten Gesprächsrunde geäußert wurde: „Das, was ihr macht, ist wie Döner. Wir machen aber Eis. Das passt nicht zusammen.“ Heute, im Nachhinein, muss Samuels darüber lachen. Vielleicht habe man das Gebäude nicht einfach so räumen sollen, denkt er manchmal. Aber die Versprechen der Factory-Vertreter wirkten seriös, auch Politiker machten den Anschein, sich tatsächlich für sie einsetzen zu wollen. „Heute weiß ich: Der Verlust von Subkultur ist traurige Wahrheit in Berlin“, so Samuels. Die Factory-Vertreter hatten den PostBerlin-Künstlern vor zwei Jahren nahegelegt, so wenig wie möglich mit Vertretern der Presse zu sprechen – die Umsetzung des Projektes mit dem Atelier-Aufbau könne dadurch gefährdet werden.

Samuels stammt aus Boston und lebt seit 18 Jahren in Deutschland. Er kam als Austauschstudent und arbeitet nun als Labelmanager für „Ostgut Ton“, dem Inhouse-Label des Berghains. Im „PostBerlin“-Gebäude hat er mit zwei Bands geprobt: „Kulku“, Krautrock mit selbstgebauten Instrumenten gibt es noch, „Brace/Choir“ hat sich aufgelöst. „Ohne Studio, das hat uns den Rest gegeben“, erzählt Samuels. „Am Anfang dachten wir noch, wir würden sicher einen neuen Proberaum finden. Aber bezahlbare Räume in Berlin: puh, das ist nicht leicht.“ Es sei zwar sicher nicht unmöglich, was Neues zu finden. „Aber es war für viele Bands und Künstler ein harter Schlag.“

Auch der Schlagzeuger und Komponist Brendan Dougherty (ursprünglich aus Philadelphia) sucht seit zwei Jahren einen neuen Proberaum. Auch er fragt sich, warum er seinen Raum in der Palisadenstraße in den letzten zwei Jahren nicht noch hatte nutzen können. Als Familienvater mit Job könne er leider keinen Proberaum mit zwei Stunden Fahrtzeit hinnehmen und in Kreuzberg sei es nahezu unmöglich, etwas zu finden. Aufgrund des bezahlbaren Raumes in der Palisadenstraße habe er sich vor einigen Jahren überhaupt dazu entschlossen, in Berlin zu bleiben.

Vier bis sechs Euro pro Quadratmeter betrug die Miete für die Räume im „PostBerlin“. Die Künstler waren teilweise bereit, bis zu 18 Euro an Factory zu zahlen, um in den Aufbau ziehen zu können. Alex Samules vermutet auch, dass Factory Berlin und die P89 Immobiliengruppe zusammenarbeiten. Immerhin haben sie dieselbe Anschrift in der Rheinsberger Straße 76/77. Geschäftsführer der P89 ist Stefan Kleiner – Schloemers „rechte Hand in Immobiliensachen“, wie ein ehemaliger Factory-Mitarbeiter beschreibt. Kleiner selbst war nicht zu sprechen. Factory-Gründer Schloemer sagt, er habe nichts mit der P89 zu tun. Mit der Palisadenstraße sei es „dumm gelaufen“. Dafür habe man am Standort Lohmühlenstraße nahe Görlitzer Park ein Projekt umsetzen können.

Dort hatte die Stiftung Bildung und Handwerk in Paderborn das Haus zum Juni 2016 verkauft. Käufer ist die JoLo Berlin Liegenschafts GmbH, mittlerweile umgewandelt in die L65 Grundbesitz GmbH, beide in der Rheinsberger Str. 76/77 – mit dem Geschäftsführer Stefan Kleiner. Viele Gewerbetreibende mussten das Haus vor zwei Jahren verlassen und verloren teilweise ihre Existenzgrundlage. Nur wenige Wochen nachdem die Gewerbetreibenden das Gebäude räumen mussten, feierte Factory Berlin dort eine Halloween-Party – beworben damit, dass diese „in einem alten, verlassenen Fabrikgebäude“ stattfinden würde. Bald sollen dort Restaurant, Bibliothek, Café, Yogaraum, Kinosaal und 3D-Druckerei Platz finden.

„Die Stadt braucht Kunst, Unternehmertum, alles“

Noch vor zwei Jahren setzten sich sowohl der Treptower Baustadtrat Rainer Hölmer sowie Gregor Gysi (Linke) für die Gewerbetreibenden in der Lohmühlenstraße ein. Erfolglos: Von den ehemaligen Mietern ist niemand zurück in das Gebäude gekommen. Udo Schloemer sagt, diese hätten sich nur melden brauchen. Aber niemand sei zurückgekommen. Das Gebäude sei marode gewesen und die Gewerbetreibenden hätten ohnehin bald rausgemusst. „Die Stadt braucht Kunst, Unternehmertum, alles“, ruft Schloemer durch die Freisprechanlage seines Autos, unterwegs von einem Termin zum nächsten. „Wer mich kennt, der weiß, dass ich mich für die Künstler interessiere.“

Samuels sitzt enttäuscht auf den staubigen Treppen des einstigen „PostBerlin“-Gebäudes. „Factory tut so, als ob sie eine Quelle der Kreativität wären, aber schließlich wollen sie nichts mit Kunst und Kultur zu tun haben.“ Sie seien hier eine tolle Gemeinschaft gewesen, sagt er und schweigt dann für einen Moment. Plötzlich ist ein Schlagzeug zu hören, ganz leise, ganz dumpf. Es scheint, als käme es aus dem Gebäude, in dem Samuels und seine Band einst geprobt haben. Samuels springt auf und läuft lauschend ein paar Schritte um das Gebäude. Dann ist nichts mehr zu hören. „Vielleicht ein Phantom-Schlagzeug aus meiner Erinnerung.“

Unbekannte greifen Start-up-Zentrum mit Brandsätzen an

Unbekannte haben in der Nacht zu Mittwoch ein Gründerzentrum in Treptow mit Brandsätzen, Pflastersteinen und Farbbeuteln angegriffen. Dabei wurden mehrere Scheiben beschädigt, teilte die Polizei mit. Zu einem Brand sei es aber nicht gekommen. Zwei der Maskierten sollen einen Sicherheitsmitarbeiter durch ein Fenster im Eingangsbereich hindurch mit Eisenstangen bedroht haben. Zudem wurden drei parkende Fahrzeuge Opfer der Farbattacke. In der Luft lag laut Stimmen von vor Ort ein deutlicher Geruch von Farbe.

Zeugen bemerkten in der Nacht gegen 2 Uhr eine Gruppe von bis zu acht Personen in der Nähe des Start-up-Zentrums an der Lohmühlenstraße Ecke Jordanstraße. Später wurden dann die Schäden an dem Gebäude festgestellt. Die Täter konnten jedoch nicht gestellt werden. Die Polizei geht von einem politischen Motiv der Tat aus, der Staatsschutz ermittelt.
Start-up-Zentrum ist umstritten

Hinter dem Gründerzentrum stehen die Macher der Start-up-Zentrums Factory in Berlin Mitte. Die neue Dependance direkt am Görlitzer Park zählt zu den größten Gründerzentren Europas. In der Gegend ist das Projekt jedoch nicht unumstritten. Bevor in dem einst von der Firma Agfa errichteten Fabrikgebäude für Start-ups umgebaut wurde, lebten und arbeiteten in dem Gebäude zahlreiche Künstler. Der zuständige Bezirksstadtrat in Alt-Treptow, Rainer Hölmer, sprach von „Verdrängung“ und kritisierte das Projekt scharf.


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